Zurück zur Übersicht 18. November 2022

Herbst-Konjunkturumfrage: „M+E-Industrie durch Fachkräftenotstand existenziell gefährdet“

45. Martinsgansessen der norddeutschen Metall- und Elektroarbeitgeber

NORDMETALL-Präsident Folkmar Ukena sieht die Industrie im Norden durch den wachsenden Fachkräftenotstand existenziell bedroht. Die Geschäftsaussichten für die nächsten Monate sind düster, die Qualität des Standorts hat sich dramatisch verschlechtert. „84 Prozent unserer Betriebe beklagen die schlechte oder unbefriedigende Verfügbarkeit von Fachkräften, 74 Prozent das Fehlen von geeigneten Auszubildenden – das sind noch nie dagewesene Negativwerte“, sagte der Leeraner Familienunternehmer in seiner Rede während des 45. Martinsgansessens der norddeutschen Metall- und Elektroarbeitgeber am Donnerstag vor fast 400 Gästen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft im Hamburger Hotel Grand Elysée. Der NORDMETALL-Präsident forderte die Bundes- und Landespolitik auf, dieser Entwicklung endlich massiv durch konkrete Maßnahmen entgegenzuwirken, um die drohende Deindustrialisierung Norddeutschlands zu verhindern.

An der Herbst-Konjunkturumfrage von NORDMETALL, AGV NORD, den Arbeitgeberverbänden Oldenburg und Ostfriesland sowie dem Allgemeinen Arbeitgeberverband Bremen haben sich im Oktober insgesamt 180 Betriebe mit rund 102.000 Beschäftigten beteiligt. Dass Fachkräfte schlecht oder nur unbefriedigend verfügbar seien, beklagen vor allem Betriebe aus Schleswig-Holstein (88 Prozent), Niedersachsen und Hamburg (jeweils 85 Prozent). Auch in Mecklenburg-Vorpommern (76 Prozent) und Bremen (53 Prozent) ist die Lage angespannt. 57 Prozent aller norddeutschen Unternehmen reagieren auf den Personalnotstand mit verstärkten Weiterbildungsangeboten, 48 Prozent mit Umlernen „on the job“.

„Massiv gestiegen ist die Unzufriedenheit unserer Betriebe mit der Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Deutschland innerhalb der vergangenen sechs Monate: 72 Prozent sehen hier eine Verschlechterung, das ist fast eine Verdoppelung gegenüber dem Frühjahr“, berichtete Folkmar Ukena. Ursache dafür sind für 90 Prozent der norddeutschen M+E-Betriebe die explodierenden Energiekosten, für 88 Prozent die stark gestiegenen Materialkosten, für 74 Prozent die hohen Arbeitskosten. Die Geschäftslage ist schwierig, die Aussichten sogar noch düsterer: 33 Prozent der Betriebe in Norddeutschland sehen ihre Produktion infolge der akuten Lieferengpässe stark oder sehr stark eingeschränkt – mehr als zu jeder Phase der Pandemie. 32 Prozent klagen über schlechte Geschäftsaussichten, so viele wie seit dem Herbst 2019 nicht mehr. 71 Prozent der Unternehmen in Norddeutschland erwarten weniger oder bestenfalls gleichbleibende Umsätze im kommenden halben Jahr. In Mecklenburg-Vorpommern sind es 84 Prozent, in Niedersachsen 82 Prozent, in Schleswig-Holstein 69 Prozent, in Bremen 64 Prozent und in Hamburg 60 Prozent. Um die stark gestiegenen Kosten auszugleichen, müssten die norddeutschen M+E-Betriebe ihre Verkaufspreise um 19 Prozent erhöhen, also fast das Doppelte der derzeitigen Inflationsrate. Aber nur sechs Prozent gelingt es, die Kostensteigerungen in vollem Umfang an die Kunden weiterzugeben, 70 Prozent nur in Teilen, 23 Prozent gar nicht.

Im norddeutschen Durchschnitt werden 28 Prozent der Firmen ihre Investitionen im Vergleich zum Vorjahr einschränken müssen, in Bremen sind es sogar 47 Prozent, in Niedersachsen 35 Prozent, in Hamburg 27 Prozent, in Schleswig-Holstein 25 Prozent und in Mecklenburg-Vorpommern noch 20 Prozent. Die Zahl ihrer Beschäftigten erhöhen wollen nur noch 33 Prozent der norddeutschen M+E-Unternehmen, das sind zehn Prozent weniger als im Vorjahr, gleichzeitig müssen 12 Prozent der Betriebe Personal abbauen (Vorjahr: 7 Prozent).

NORDMETALL-Präsident Folkmar Ukena: „Die Qualität des Standorts Deutschland verschlechtert sich aus Sicht der M+E-Arbeitgeber dramatisch. Explodierende Energie- und Materialkosten, große Lieferprobleme, der Fachkräftenotstand und anhaltend hohe Krankenstände machen nötige Investitionen für die Firmen immer schwieriger bis unmöglich. In dieser Lage dürfen die ohnehin hohen Arbeitskosten nicht zu einer noch größeren Belastung werden. Ich appelliere an die Gewerkschaft, dieser schwierigen Situation Rechnung zu tragen und mit uns rasch einen maßvollen, langlaufenden Tarifabschluss zu verhandeln, um Planbarkeit für die Industrie herzustellen und Arbeitsplätze sichern zu können.“

Hier finden Sie die Ergebnisdaten und die Präsentationsfolien der Herbst-Konjunkturumfrage.



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