Zurück zur Übersicht 15. Juni 2026

„Ohne Reformen kein Ende der Krise im nordwestlichen Niedersachsen“

Frühjahrs-Konjunkturumfrage der M+E-Industrie

„Die Krise der Industrie in Deutschland und auch im nordwestlichen Niedersachsen geht ins vierte Jahr, und ein Ende der Rezession ist leider immer noch nicht in Sicht“, resümiert NORDMETALL-Präsident Folkmar Ukena die Ergebnisse der Frühjahrs-Konjunkturumfrage 2026 der norddeutschen Arbeitgeberverbände. „Weiter gestiegene Energie- und Materialpreise, steigende Arbeitskosten, die unvermindert schwierige Weltlage und die kaum verbesserten nationalen Rahmenbedingungen lassen keine Hoffnung aufkeimen.“ 152 Mitgliedsbetriebe mit rund 106.400 Beschäftigten haben sich bis Ende April an der Umfrage von NORDMETALL, AGV NORD und den Arbeitgeberverbänden in Bremen, Oldenburg sowie Ostfriesland beteiligt.

Die Kapazitätsauslastung von Maschinen und Anlagen der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie sinkt danach auf einen Minimalwert von 81,4 Prozent, der nur während der Corona-Krise vor fünf Jahren und der Finanzkrise 2009/2010 noch unterboten wurde. 41 Prozent der befragten Unternehmen sehen sich nicht mehr in der Lage, Kostensteigerungen mit Preiserhöhungen aufzufangen – auch dies ein Höchstwert seit Anfang 2021. Die aktuelle Geschäftslage beurteilt fast jeder dritte Betrieb in Norddeutschland als unbefriedigend oder schlecht, fast genauso viele wie im vergangenen Herbst. Im nordwestlichen Niedersachsen konstatieren sogar 45 Prozent der Unternehmen eine kritische oder sehr kritische Lage, in Bremen dagegen nur 17 Prozent. 36 Prozent der Firmen in Norddeutschland leiden unter Auftragsmangel, auch hier sind niedersächsische Unternehmen mit 48 Prozent noch schlimmer betroffen. Die Betrachtung einzelner Branchen ergibt ein heterogenes Bild: Während die Metallerzeuger und Gießereien mit 63 Prozent sowie die Elektrotechnik und die Hersteller von Metallerzeugnissen mit jeweils der Hälfte der Betriebe zu geringe Aufträge beklagen, bemängeln dies im Luft- und Raumfahrzeugbau nur zehn Prozent und im Schiffbau gar keine Unternehmen.

Im kommenden halben Jahr erwarten nur 17 Prozent der Unternehmen eine Verbesserung der Geschäftslage, genauso wenige wie im vergangenen Herbst (nordwestliches Niedersachsen: 18 Prozent). Mit 66 Prozent rechnen fast zwei Drittel aller Unternehmen mit deutlichen Einbußen, bestenfalls einer roten Null beim Umsatz. Am optimistischsten blicken dabei Hamburger Betriebe auf das kommende halbe Jahr (47 Prozent erwarten Umsatzsteigerungen), in Mecklenburg-Vorpommern und Bremen dagegen rechnen nur 16 bzw. 17 Prozent mit höheren Erlösen, im nordwestlichen Niedersachsen zumindest 33 Prozent.

Den Personalbestand verringern wollen in den kommenden drei Monaten 21 Prozent der Unternehmen. 51 Prozent wollen die Zahl ihrer Beschäftigten nicht verändern, 28 Prozent erhöhen. Die Bedarfe sind aber zwischen den einzelnen Branchen sehr unterschiedlich: Rund vier von zehn Unternehmen des Straßenfahrzeugbaus sowie der Metallerzeugung und der Gießereien planen Personalabbau, ebenso 30 Prozent der Maschinenbauer. Dagegen wollen 70 Prozent der Luft- und Raumfahrzeugbauer sowie 67 Prozent der Schiffbauer Einstellungen vornehmen. Der größte Personalabbau (33 Prozent der Betriebe) ist im nordwestlichen Niedersachsen geplant, der größte Aufwuchs (44 Prozent) in Mecklenburg-Vorpommern. Insgesamt ergibt sich in der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie im Saldo ein Einstellungsbedarf von rund 1.800 Personen.

Eine schlechte oder unbefriedigende Verfügbarkeit von Fachkräften melden noch 41 Prozent der Unternehmen (nordwestliches Niedersachsen: 44 Prozent), zehn Prozent weniger als im Herbst. Bei den Auszubildenden sehen immerhin 59 Prozent der norddeutschen Betriebe eine gute oder zufriedenstellende Verfügbarkeit von geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern, in Mecklenburg-Vorpommern sind es sogar 77 Prozent, im nordwestlichen Niedersachsen dagegen nur 51 Prozent.

Die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Deutschland hat sich nach dem Urteil von mittlerweile 57 Prozent der norddeutschen Industrieunternehmen in den vergangenen sechs Monaten verschlechtert (Herbst: 52 Prozent). Weiterhin jeder vierte Betrieb plant Produktionsverlagerungen ins Ausland, eine Wiederholung des Allzeit-Höchstwerts vom Herbst seit Erhebungsbeginn im Jahr 2008. Fast 77 Prozent dieser Firmen wollen die Produktion in die EU verschieben, jeweils ein knappes Viertel in den Fernen Osten oder China. Jeder dritte Betrieb plant dies auch für Forschung und Entwicklung. Als besonders erschwerende Wirtschaftsfaktoren werden weiterhin mit 83 Prozent die Arbeitskosten gewertet, gefolgt von den Energiekosten (70 Prozent) sowie der Bürokratie in Deutschland und der internationalen Politik (jeweils 63 Prozent). Noch weiter steigende Energiekosten erwarten vor dem Hintergrund des Iran-Krieges 87 Prozent, 77 Prozent befürchten höhere Materialkosten. 

NORDMETALL-Präsident Folkmar Ukena konstatiert: „Die schwierige Lage großer Teile der norddeutschen Industrie hat sich nicht entspannt. Im Maschinenbau und in der Elektrotechnik, den Hauptbranchen der M+E-Industrie, stellt sich immer häufiger die Standortfrage. Auch Werften und Luft- sowie Raumfahrzeugbauer mit vollen Auftragsbüchern und Personalbedarf spüren den wachsenden Kostendruck. Weiter plant jeder vierte Betrieb der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie Produktionsverlagerungen ins Ausland, ein fortdauernder Höchstwert“, so der Leeraner Familienunternehmer. „Deutlich niedrigere Energiepreise sind in den Betrieben noch nicht angekommen, ausreichende Netzwerkkapazitäten fehlen allerorten, beherrschbare Arbeitskosten sind angesichts ausgebliebener Sozialreformen nicht in Sicht. Wenn nicht endlich eine Senkung von Steuern und Abgaben, ein massiver Abbau von Bürokratie und Überregulierung und eine Ausweitung und Flexibilisierung des Arbeitsangebots gelingen, wird die Verlagerung von Produktion ins Ausland weiter zunehmen – gerade auch im nordwestlichen Niedersachsen, wo die Krise besonders durchschlägt. Viele Investitionsentscheidungen fallen jetzt. Wir M+E-Arbeitgeber im Norden brauchen Signale, dass es sich mittel- und längerfristig lohnt, weiter in heimische Standorte und Arbeitsplätze zu investieren. Deshalb erwarten wir, dass die Bundesregierung umgehend echte Strukturreformen angeht und umsetzt und die Betriebe nachhaltig entlastet.“

Hier finden Sie die Ergebnisdaten und Präsentationsfolien der Frühjahrs-Konjunkturumfrage.

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