Zurück zur Übersicht 25. November 2022

Orange Bänke setzen Zeichen gegen Gewalt

In Wilhelmshaven werden Bänke mit einem QR-Code zu Hilfsangeboten aufgestellt

Die GPS beteiligt sich mit drei Bänken an der Aktion. Gebaut wurden sie in der Artec Roffhausen, Beschäftigte aus der Werkstatt in der Planckstraße streichen sie orange.

Die orange Bank im Vorgarten des Familienzentrums soll Neugier wecken und zu Gesprächen anregen. Das Foto zeigt (hinten, von links): Holger Barkowsky, Vanessa Bartelt-Kapustin (beide VkP), Thomas Christoffers und Silke Hausmann (beide Familienzentrum), Bürgermeisterin Geesche Marxfeld, Heiko von Deetzen (Polizei) sowie vorne: die städtische Gleichstellungsbeauftragte Nicole Biela und Katja Reents (Beauftragte für Kriminalprävention der Polizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland).
Mit dem ersten Schlag geht das Vertrauen verloren. In den Partner, aber auch in die Sicherheit, die das Zuhause bieten sollte. Jede dritte Frau wird im Laufe ihres Lebens Opfer von Gewalt, jede dritte erlebt Übergriffe im häuslichen Umfeld. Der „Orange Day“, der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen, soll darauf aufmerksam machen. Im Familienzentrum Nord startete dazu am Freitag eine große Aktion der Stadt Wilhelmshaven, der Polizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland und des Vereins zur Förderung der kommunalen Prävention.

Im Mittelpunkt stehen orange Bänke, die im Stadtgebiet aufgestellt werden. Eine davon haben Beschäftigte der GPS-Werkstatt in der Planckstraße in den vergangenen Wochen in der leuchtenden Farbe gestrichen. Gefertigt wurde die Bank in der Artec Roffhausen, weitere werden folgen. Neben der GPS beteiligen sich die Berufsbildenden Schulen und die Justizvollzugsanstalt an der Aktion. In den kommenden Wochen werden die Bänke nach und nach im Stadtgebiet aufgestellt. Angebracht werden daran Plaketten mit QR-Codes. Wer die einscannt, bekommt Informationen und Hilfsangebote auf zehn Sprachen angezeigt.

Die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt ist hoch
Wie wichtig der „Orange Day“ und die damit verbundenen Aktionen sind, zeigt ein Blick in die Kriminalstatistik: Im Jahr 2021 wurden bei der Polizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland rund 7900 Straftaten verzeichnet. Allein in Wilhelmshaven waren davon 400 aus dem Bereich der häuslichen Gewalt. Bei der Mehrzahl dieser Straftaten sind Frauen die Opfer ihrer gewalttätigen Partner oder Ehemänner. Und diese 400 Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs. Die Dunkelziffer und somit die Zahl der Menschen, die häusliche Gewalt erleben, ist deutlich größer.

„Die Gewalt, die die Opfer erleben, ist zerstörerisch“, sagte der Leiter der hiesigen Polizeiinspektion, Heiko von Deetzen, bei der Veranstaltung im Familienzentrum. Denn zu den körperlichen Schäden kämen die der Psyche. „Die Seele ist von häuslicher Gewalt oft noch viel mehr betroffen. Wer Gewalt in seinem Zuhause, seinem Schutzraum, erlebt, der verliert jegliches Vertrauen und seine Lebensqualität.“

Über die Bänke sollen die Menschen ins Gespräch kommen
Was das bedeuten kann, hat Silke Hausmann häufig gesehen. „Wir haben hier immer wieder Frauen, die zu Hause Gewalt erfahren und sich an uns wenden“, sagt die Leiterin des Familienzentrums Nord. Sie bietet immer wieder Wege an, um sich vom gewalttätigen Partner zu lösen. Einfach ist das nicht. Viele bleiben aus Angst, viele aus Scham. Viele, weil sie nicht wissen, wie sie entfliehen können.
Genau das sollen die Bänke ändern. „Wir hoffen, dass wir dadurch mit vielen ins Gespräch kommen“, sagt Silke Hausmann und zeigt auf die leuchtend orange Picknick-Bank im Vorgarten. „Die fällt auf und macht die Leute neugierig. Unsere Besucher werden uns darauf ansprechen – und wir haben dann die Chance, mit Menschen darüber zu sprechen, die wir sonst vielleicht nicht erreicht hätten.“

Beschäftigte hatten großes Interesse an dem Thema
Auch die Bank, die bei der GPS gefertigt und gestrichen wurde, steht bereits und zieht vor dem Familienzentrum Süd die Blicke auf sich. Insgesamt sechs Anstriche haben die Beschäftigten aus der Planckstraße der Bank mit Unterstützung von Asja Warncken, Fachkraft für Arbeits-und Berufsförderung, verpasst. Dafür wurde die Bank komplett auseinandergebaut. „Immer, wenn es die Auftragslage zugelassen hat, haben wir mit dem Streichen weitergemacht“, erzählt Asja Warncken. Da die Farbe zwischenzeitlich trocknen musste, war pro Tag nur ein Anstrich möglich, bis die Bank in leuchtendem Orange erstrahlte, dauerte es vier Wochen. Vorher und auch in dieser Zeit wurde viel über den Orange Day und Gewalt gegen Frauen gesprochen. „Die Beschäftigten haben großes Interesse an dem Thema. Wir haben über Hilfsangebote gesprochen und auch darüber, dass von Gewalt nicht nur Frauen, sondern auch Männer betroffen sind.“

Diesen Effekt sollen die Bänke auch im Stadtgebiet haben: Das Problem der Gewalt gegen Frauen und Mädchen soll sichtbarer werden. Die Gesellschaft soll sich bewusst werden, wie oft Menschen in ihrem Zuhause nicht sicher sind. Nur dann kann Betroffenen die Scham genommen werden, darüber zu sprechen. „Die Bänke sind ein sichtbares und bleibendes Zeichen gegen Gewalt und für Zivilcourage“, sagte Holger Barkowsky, Vorsitzender des Verbands für kommunale Prävention, bei der Auftaktveranstaltung im Familienzentrum. Denn nur, wenn sich viele Menschen des Problems bewusst seien, könnten sie Verdachtsfälle melden und so zum rettenden Anker werden.

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